Familie

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm?!

Ziel eines jeden Apfels ist ein erfolgreiches Heranreifen zu einem gesunden Apfel.

Ebenso wie ein Apfel Sonne und Nährstoffe benötigt gibt es einige Grundbedürfnisse, die für Kinder erfüllt sein müssen (z.B. Fürsorge, Nahrung). Daneben weist jeder Baum seine Besonderheiten auf. Eltern haben verschiedene Erziehungsstile. Je nach Umweltbedingung kann sich der eine oder andere Erziehungsstil als besser für das Reifen des Apfels erweisen. Im Allgemeinen hat sich jedoch der autoritative Stil als besonders gut für Äpfel erwiesen. Die autoritative Erziehung gestaltet sich durch unterstützende und doch begrenzende Erziehungsmaßnahmen.

Manchmal birgt die Umwelt so widrige Bedingungen (Sturm), dass es dem kleinen Apfel trotz aller elterlicher Fürsorge nicht möglich ist heranzureifen. Es kann zu Entwicklungsproblemen kommen. Wie Äpfel mit Unsicherheit des Stammes an dem sie hängen zurecht kommen, wird teilweise im Kapitel Scheidung erörtert.

Wie der Apfel am Ende letztlich aussieht und welcher Geschmack in ihm steckt hängt somit von vielen Faktoren ab. Neben Genen, Umweltbedingungen, Erziehung (siehe: Elternrolle) und Freundschaften, … kommt es auch auf die Wechselwirkung all dieser Faktoren an. Es ist also unmöglich genau zu sagen warum der Apfel schmeckt wie er schmeckt und aussieht wie er aussieht. Vielleicht ist das auch nicht so wichtig – jedenfalls entstehen viele verschiedene einzigartige Äpfel.

 

fram

Kinder sind ihren Eltern aus verschiedenen Gründen ähnlich.

Elternrolle

Kinder sind nicht in der Lage ihre Grundbedürfnisse alleine zu erfüllen und somit auf Bezugspersonen angewiesen.

 

Wie wichtig es ist, eine schützende Bezugsperson zu haben, zeigt ein altes Experiment. In diesem Experiment hat ein Affenbaby die Wahl zwischen einer Eisenpuppe mit Nahrung und einer flauschigen Mutterpuppe. Das Experiment zeigt, dass Nahrung zwar notwendig ist, das Affenbaby jedoch ansonsten die flauschigere, warme „Mutter“ bevorzugt. Fürsorge, Zuneigung und Sensitivität (die Fähigkeit auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen) stellen für das Junge die wichtigsten Aufwachsbedingungen dar.

 

Eltern…

  • ermöglichen Nahrungszufuhr
  • bieten körperliche Nähe und menschliche Wärme
  • dienen als Interaktionspartner (Bsp.: Lernen von emotionalem Ausdruck) und Orientierungshilfe (Bsp.: Bewertungsunterstützung: Birgt eine Situation Gefahren?)
  • helfen dem Kind bei der Selbstregulation (Bsp.: Trösten)
  • unterstützen bei der Sozialisation (lehren Sprache, Emotion, Wertvorstellungen, Interaktionsregeln,…)

Darstellung der Videos entwickelt in Anlehnung an:

Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. The role of attachment. New York, NY US: Basic Books. pp. 134-154 (ch. 7 The role of attachment in personality development); pp. 155-177 (ch. 8 Attachment, communication and the therapeutic process)

 

Erziehungsstil

Jeder erzieht etwas anders, dennoch lassen sich verschiedene Erziehungsstile definieren. Erziehung hat Einfluss auf die kindliche Entwicklung (zum Beispiel auf akademische Leistung und psychische Gesundheit des Kindes (vgl. Vasques, Patall, Fong, Corrigan & Pine, 2015)). Eltern helfen dabei Annahmen über die Welt und ihr Funktionieren zu entwickeln, also Schemata zu erstellen. Sie bieten Raum Persönlichkeit zu entwickeln und Möglichkeit in sicherem Umfeld die Umgebung zu explorieren.

see-you-again-1013685_640Der Einfluss der Erziehung prägt sehr früh, deshalb sind die Regeln die man lernt („Du bist ein tolles Kind.“; „Die Welt ist so gefährlich, bleib lieber im Haus.“) sehr tief verankert. Als Kind ist man noch nicht in der Lage die Sinnhaftigkeit dieser Annahmen zu hinterfragen. Und meist beginnt man damit auch nicht, weil sie Teil der eigenen Person sind. Je nachdem welche Lebensweisheiten man vom Elternhaus mitbekommen hat, lohnt es sich aber diese zu erkunden um sich entweder zu freuen wie hilfreich die Leitsätze waren oder sich nun als reflektierter Erwachsener auch Abwandlungen der Leitsätze zu entwickeln.

Welcher Erziehungsstil wirkt sich wie aus? Und was für Erziehungsstile gibt es?

Info Erziehungsstile

Scheidung

Sowohl für Kind als auch Eltern stellt Scheidung eine Trennungserfahrung dar. Ein großes Ausmaß an Anpassung an veränderte Lebensumstände wird abverlangt. Die Situation ist neu, Umstellung ist anstrengend und muss unter großer emotionaler Belastung erfolgen, was Überforderung auch verständlich macht.

Das zweite Elternteil ist nicht mehr ständig verfügbar. Die finanziellen Möglichkeiten können beschnitten werden.

Diese sozioökonomischen Einflüsse spielen vor allem eine Rolle bei der unterschiedlichen Entwicklung von sehr jungen Scheidungskindern (Clarke-Stewart, Vandell, McCartney, Owen & Booth, 2000). Es wurden hierbei die Kinder von Scheidungsfamilien mit solchen, die von Beginn an nur eine Bezugsperson hatten, verglichen. Es zeigten sich keine Unterschiede der Kinder bezüglich Verhaltensproblemen und der Beziehung zur Mutter.

Man kann daraus schließen, dass das Wegfallen der einen Bezugsperson allein nicht das Hauptproblem darstellt, sondern vielmehr die finanzielle Umstellung zu einer nachteiligeren Entwicklung führt.

Durch räumliche und emotionale Trennung vermeiden Eltern oft die direkte Konversation und wählen einen alternativen Kommunikationsweg über das Kind. Hierdurch bekommt das Kind eine Rolle zugeteilt, der es mit Sicherheit nicht gewachsen ist - denn wie soll ein Kind, die Konflikte regeln können, die die Eltern nicht austragen können? Das Kind befindet sich schließlich noch in emotionaler und kognitiver Entwicklung und benötigt die Regulation durch die Eltern.

Oft kommt es jedoch dazu, dass elterlicher Konflikt nicht auf dieser Ebene bleibt, sondern sich auch negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt (vgl. Yu, Pettit, Lansford, Dodge und Bates, 2010). Wichtiger kann deshalb auch ein Ansatz sein, der versucht, negative Konsequenzen der Scheidung und einhergehender Überforderung zu vermeiden. Elternteile können mit strukturierter Unterstützung durch Erziehungsprogramme dem Kind in der Entwicklung von Bewältigungsmechanismen helfen (Vélez, Wolchik, Tein, & Sandler, 2011). Solche Angebote finden Sie bei Erziehungsberatungsstellen.

 Wer sich für verschiedene längsschnittliche quantitative Ansätze von Scheidungsfolgen interessiert, kann sich nach Standpunkten von Amato und Hetheringtion erkundigen.

Geschwister

play-1014050_640Geschwister teilen 50% ihrer genetischen Ausstattung und darüber hinaus eine gemeinsame Umwelt (familiäres Setting, sozioökonomischer Status,…). Es wundert nicht, dass sich Geschwister in vielen Dingen gleichen. Ähnlichkeit bei Geschwistern besteht zum Beispiel im Umgang mit Drogen und risikoreichem Sexualverhalten (McHale, Updegraff & Whiteman, 2012). Um dennoch als Individuum wahrgenommen zu werden grenzen sich Geschwister voneinander ab – suchen sich ihre Nische um Anerkennung und Selbstverwirklichung zu erfahren (McHale et al.,2012).

Geschwister dienen einander als Orientierungsmaßstab und ermöglichen soziales Lernen.

Durch u.a. schwierige Persönlichkeit eines Geschwisterteils oder schweren Umweltbedingungen der Familie kann es zu Problemen in der Geschwisterbeziehung kommen (McHale et al., 2012). Bei Scheidung jedoch kann die Geschwisterbeziehung auch profitieren.

 

Multigenerationalität = Betrachtung mehrer Generationen

see-you-again-1013686_640Generationen hängen zusammen – Eltern leiden und freuen sich für ihre Kinder (Kalmijin & Graaf, 2012). Das elterliche Herz bleibt bei Heirat oder Arbeitsplatzverlust nicht unbeeinflusst.

Die Multigenerationalität hat sich über die Zeit gewandelt, hat aber auch heute schützende Eigenschaft (vgl. Bengtson, 2001). Das Familiensystem kann viel Rückhalt bieten und hat ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis durch die Altersunterschiede und somit verschiedenen Rollen der Mitglieder in den Beziehungen.

 

Entwicklungsprobleme

Es kann in der Entwicklung neben körperlich und geistig verzögerter Entwicklung auch langfristig zur Entstehung von problematischem emotionalem oder sozialem Verhalten kommen. Unterschieden werden internalisierende Störungen wie Ängstlichkeit und Depression von externalisierenden Problemen wie zum Beispiel Aggression oder Delinquenz (= abweichendes Verhalten).

Umschrieben Entwicklungsstörungen Normale Kindsentwicklung

 

Als Kind erlebter Stress manifestiert sich auf unterschiedlichen Ebenen

Vor allem in der Entwicklung finden viele „zelluläre Grundeinstellungen“ statt. Außerdem sind hier Veränderungen durch das schnelle Wachstum (z.B. Netzwerkaufbau im Gehirn) noch viel stärker möglich als in fortgeschrittenerem Alter. Deshalb sind Einflüsse hier besonders prägend.

Zudem ist das Kind kognitiv noch nicht ausgereift und verfügt über einen geringeren Erfahrungsschatz. Dies hat zur Folge, dass es Stressoren noch stärker ausgesetzt ist, weil es sich weniger gut entziehen kann und über schwächere Bewältigungsmechanismen verfügt.

Stress kann sich auf vieles auswirken:

  • Körperliche Entwicklung (Bsp.: Kortisol= Stresshormon hindert den Organismus an der Wachstumsentwicklung)
  • Sprachentwicklung
  • Gedächtnisentwicklung
  • Verhaltensproblematik, …

Der Einfluss eines objektiven messbaren Stressors (z.B.: Armut, Tod) kann durch Risikofaktoren (z.B.: vernachlässigendes Erziehungsverhalten) verstärkt werden. Schutzfaktoren (z.B. elterliche Reaktivität auf die Bedürfnisse des Kindes) können das Risiko vermindern. So erlebt der Organismus (die Person) den Stressor als mehr oder weniger belastend.

Die Interaktionsvariablen können dabei sehr vielseitig sein und ergeben sich in der individuellen Lerngeschichte. Psychologische Ansätze bemühen sich darum ein Verständnis für das Individuum zu bekommen, indem betrachtet wird welche Stressoren sich wie auswirken.

Bei Jugendlichen, welche einen Vortrag halten sollten, wurden Kortisolwerte (phyisologischer Marker für Stress) erhoben. Jene Jugendliche, die vor dem Vortrag mit ihren Eltern anstatt mit einem Fremden sprechen durften, zeigten signifikant geringeren Kortisolanstieg (Doom, Hostinar, VanZomeren-Dohm & Gunnar, 2015). Spannend - nur bei Jugendlichen in der frühen Pubertät konnte eine statistische Reduktion erzielt werden. Eltern scheinen also vor allem in bestimmten Lebensphasen wichtige Pufferfunktion (durch Stressregulationsunterstützung) zu erfüllen.

Früh in der Entwicklung erlebter Stress hat Einfluss auf zelluläres Wachstum. Nach außen zeigen sich die Folgen in Form von Verhaltensproblemen.

Hanson et al. (2015) erhoben verschiedene Distress verursachende Faktoren: Vernachlässigung, körperliche Misshandlung und niedriger sozioökonomischer Status. Sie konnten bei Kindern, welche körperliche Misshandlung erfuhren oder einen niedrigeren sozioökonomischen Status hatten, ein vermindertes Zellvolumen in der Amygdala feststellen. Ein Zusammenhang zwischen emotionalem Erleben und Zellphysiologie scheint also zu bestehen und nährt die Hoffnung, dass in Zukunft besser verstanden werden kann, wie Verhalten, Erfahrung und Physiologie zusammen spielen. Mit diesen neurobiologischen Ansätzen kann ein ganz neues Empfinden in der Körper-Seele Diskussion geschaffen werden. Hier sollen keine Erklärungen für Problemverhalten gefunden werden, sondern nur eine Sensitivität für die Vielfältigkeit der Einflüsse auf menschliches Verhalten und Entwicklung geschaffen und dazu angeregt werden, festgefahrene Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.

In der Längsschnittstudie von Hentges et al. (2015) betrachteten die Autoren kindliches Temperament (Reizbarkeit). Kinder mit starkem Temperament entwickeln Verhaltensproblematik in Abhängigkeit von elterlicher Konfliktintensität, es zeigen sich mehr Verhaltensprobleme bei mehr Konflikt. Kinder mit niedrig ausgeprägtem Temperament entwickelten Verhaltensprobleme beinahe unabhängig von elterlicher Konflikthaftigkeit (Hentges et al., 2015) . Hier wird deutlich, dass gleiche Faktoren je nach Zusammenspiel mit anderen Faktoren entweder Einfluss nehmen können auf die Entwicklung oder irrelevant sind. Nur weil ein Risikofaktor vorliegt, muss daraus nicht zwangsläufig ein Problem entstehen.

Bengtson, Vern L. (2001): Beyond the Nuclear Family: The Increasing Importance of Multigenerational Bonds. In: Journal of Marriage and Family 63 (1), S. 1–16. DOI: 10.1111/j.1741-3737.2001.00001.x.
Clarke-Stewart, K. Alison; Vandell, Deborah L.; McCartney, Kathleen; Owen, Margaret T.; Booth, Cathryn (2000): Effects of parental separation and divorce on very young children. In: Journal of Family Psychology 14 (2), S. 304–326. DOI: 10.1037/0893-3200.14.2.304.
Doom, Jenalee R.; Hostinar, Camelia E.; VanZomeren-Dohm, Adrienne A.; Gunnar, Megan R. (2015): The roles of puberty and age in explaining the diminished effectiveness of parental buffering of HPA reactivity and recovery in adolescence. In: Psychoneuroendocrinology 59, S. 102–111. DOI: 10.1016/j.psyneuen.2015.04.024.
Hanson, Jamie L.; Nacewicz, Brendon M.; Sutterer, Matthew J.; Cayo, Amelia A.; Schaefer, Stacey M.; Rudolph, Karen D. et al. (2015): Behavioral problems after early life stress: Contributions of the hippocampus and amygdala. In: Biological Psychiatry 77 (4), S. 314–323. DOI: 10.1016/j.biopsych.2014.04.020.
Kalmijn, Matthijs; Graaf, Paul M. de (2012): Life course changes of children and well‐being of parents. In: Journal of Marriage and Family 74 (2), S. 269–280. DOI: 10.1111/j.1741-3737.2012.00961.x.
McHale, Susan M.; Updegraff, Kimberly A.; Whiteman, Shawn D. (2012): Sibling relationships and influences in childhood and adolescence. In: Journal of Marriage and Family 74 (5), S. 913–930.
Vasquez, Ariana C.; Patall, Erika A.; Fong, Carlton J.; Corrigan, Andrew S.; Pine, Lisa (2015): Parent Autonomy Support, Academic Achievement, and Psychosocial Functioning: a Meta-analysis of Research. Educational Psychology Review. In: Educ Psychol Rev, S. 1–40. DOI: 10.1007/s10648-015-9329-z.
Vélez, Clorinda E.; Wolchik, Sharlene A.; Tein, Jenn‐Yun; Sandler, Irwin (2011): Protecting children from the consequences of divorce: A longitudinal study of the effects of parenting on children’s coping processes. In: Child Development 82 (1), S. 244–257. DOI: 10.1111/j.1467-8624.2010.01553.x.
Yu, Tianyi; Pettit, Gregory S.; Lansford, Jennifer E.; Dodge, Kenneth A.; Bates, John E. (2010): The interactive effects of marital conflict and divorce on parent-adult children's relationships. In: Journal of Marriage and Family 72 (2), S. 282–292. DOI: 10.1111/j.1741-3737.2010.00699.x.